Vom Fachmagazin Reinigungsmarkt wurde ich Anfang der 2000er-Jahre eine geraume Zeit als Reporter eingesetzt. Ich durfte internationale Messen wie die ISSA Interclean in Amsterdam, die InterAirport in München oder die CMS in Berlin besuchen, Firmen in Deutschland, Italien, der Schweiz und England porträtieren sowie Anwenderreportagen schreiben.
Ganz besonders in Erinnerung bleiben mir an diese Zusammenarbeit die Porträts im Rahmen der Reihe „Urgesteine der Reinigungsbranche“. Im Zuge dieser Serie durfte ich mit wunderbaren Menschen ins Gespräch kommen – meist ohne Zeitdruck. Das war spannend, lehrreich und zum Teil auch erschütternd. Denn so mancher Gründer hat zwar eine erfolgreiche Firma aufgebaut, dafür aber große Abstriche bei seinem persönlichen und familiären Glück machen müssen.
Stellvertretend für die vielen persönlichen Geschichten steht an dieser Stelle die von Günther Glöckner. Besucht habe ich ihn im Sommer 2017 in seinem Unternehmen SOLUTION Glöckner Vertriebs-GmbH.
Von wegen Abwarten und Tee trinken
Günter Glöckner hat Gelegenheiten gesucht und gefunden
Die Orte seiner Kindheit tragen Namen wie Wünschmichelbach, Steinklingen, Oberflockenbach und Unterflockenbach. Hier im baden-württembergisch-hessischen Grenzgebiet wächst Günter Glöckner auf. Von da ging es für den Sohn einer heimatvertriebenen Familie nach Weinheim und über Hamburg nach Ludwigshafen. Hier im Stadtteil Maudach ist sein Zuhause, seine Heimat – und seine Firma: Glöckner Solution. Vor mehr als 17 Jahren wagte er den Sprung in die Selbständigkeit. „Aber einfach war es nicht“, wie er im Gespräch mit Reinigungsmarkt-Korrespondent Patrick Merck im Sommer 2017 zugibt.
Die Tasse ist groß. Sie fasst einen halben Liter. „Es ist die zweite, die ich heute trinke“, sagt Günter Glöckner. Die erste Tasse nimmt er zu sich, bevor er morgens in die Firma fährt. Es ist eine Mischung aus spanischer Orange und marokkanischer Minze. Seine Frau Maria sitzt neben ihm, ein Wasserglas vor sich. „Mir ist wichtig, dass meine Frau dabei ist, wenn ich von mir und meinem Werdegang erzähle“, sagt Günter Glöckner. Schließlich sei sie ein elementarer Bestandteil dieser Geschichte und könne das ein oder andere sicherlich beitragen. Sagt’s und schaut sie mit einem Lächeln an.
Gut zehn Jahre nach Kriegsende – am 5. Juli 1955 – kommt Günter Glöckner auf die Welt. Wünschmichelbach, heute ein Stadtteil von Weinheim, ist damals ein Weiler von 300 Einwohnern. Dort haben sich viele Menschen aus Elek in Donauschwaben ein neues Zuhause geschaffen, darunter die Familien Tremmel und Glöckner. Da sein Großvater mütterlicherseits, Georg Tremmel, nach dem Tod seiner ersten Frau ein zweites Mal geheiratet hat und wieder Vater wurde, hat Günter eine jüngere Schwester, die eigentlich seine Tante ist. Seine Eltern Franziska und Hans arbeiten, daher verbringt Günter als Kleinkind viel Zeit im Haus seines Opas. Der war 1953 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und hatte dort ein Gelübde abgelegt: Sollte er die Gefangenschaft überstehen, wollte er eine Glocke gießen lassen und sie täglich um 19 Uhr läuten.
„Das hat er gemacht“, sagt Günter Glöckner. In seiner Stimme schwingen Ehrfurcht, Bewunderung und viel Zuneigung mit. „Er hat einen hölzernen Glockenturm gebaut, die Glocken gießen lassen und sie abends um sieben Uhr geläutet.“ Die Glocke läutet immer noch um diese Zeit, da die Gemeinde den Brauch übernommen und eine Elektrik hat einbauen lassen.
Das Leben der Familie Glöckner ist von Arbeit und dem Streben nach wirtschaftlicher Sicherheit geprägt. Hans, ein Meister im Baugewerbe, hatte bei einem Unfall ein Bein verloren und arbeitete wie seine Frau bei Freudenberg in Weinheim. Günter verlässt morgens mit ihnen das Haus, wird in den Kindergarten gebracht und 9 Stunden später wieder abgeholt. Die Volksschule ist in Steinklingen. Die acht Klassen werden in zwei Räumen und gemeinsam unterrichtet. Günter Glöckner ist ein guter Schüler und erhält die Empfehlung fürs Gymnasium in Weinheim. Doch nach vier Jahren ist dort Schluss. Er fliegt von der Schule.
Günter Glöckner räuspert sich. Hat er sein Leben bis dahin als unbeschwert und schön bezeichnet, kommen nun schwierige Zeiten. Die Familie hatte sich längst entschieden, nach Weinheim zu ziehen, dort einen Bauplatz erworben und mit dem Bau eines Hauses begonnen. Dann stirbt sein Vater. Damit fehlt nicht nur ein Teil der Familie, sondern auch ein Teil des Einkommens. Plötzlich ist alles anders, und Günter Glöckner verkraftet es nicht. Er schwänzt die Schule, geht nicht mehr ins Handballtraining, macht Unsinn. „Ich habe versucht, meine Grenzen auszuloten“, sagt der Unternehmer. Für seine Mutter sei das eine extrem schwierige Zeit gewesen, schiebt er mit belegter Stimme hinterher. „Sie hat einen 13-jährigen Sohn, der von der Schule geflogen ist und rebelliert, ein halbfertiges Haus und kaum Geld.“ Doch sie hat darüber hinaus einen starken Willen. Und so findet sie in Mannheim ein Gymnasium, das bereit ist, ihren Sohn aufzunehmen – gegen die Zahlung von Schulgeld und in der Hoffnung, dass er die schuleigene Handballmannschaft verstärkt.
Die Prognose, dass er dort sein Abitur machen würde, steht nach zehn Tagen bei null. Denn da hat er bereits fünf Fehltage auf seinem Konto. Den Rüffel, den er darauf hin erhält, weckt ihn auf. „Die gelbe Karte hat gewirkt“, sagt er rückblickend. Eine Ehrenrunde und sechs Jahre später hat er das Abitur in der Tasche. Nicht nur das: Auf einer Silvesterparty 1972 bei einem Schulkameraden lernt er Maria kennen. Auch ihre familiären Wurzeln liegen im Osten. Sie wird die Frau seines Lebens.
Mit 18 Jahren macht der Abiturient seinen Führerschein. Zu diesem Zeitpunkt verdient er längst sein eigenes Geld. Nach der Schule, an den Wochenenden und in den Ferien nimmt er dafür jede Gelegenheit wahr. Sportplatzbau, bei Mercedes am Band, bei der BASF und an einer Tankstelle. Mit dem Geld finanziert er sich ein Auto, den Führerschein, die Fahrten nach Oggersheim, und er spart. So bezahlt er drei Jahre vor dem Abitur das Schulgeld bis zum Abschluss auf einen Schlag und erhält aufgrund dieses Vorgehens einen satten Rabatt.
Noch im Jahr des Abiturs 1976 heiraten Maria und er. „Wir mussten heiraten, um eine Wohnung zu erhalten“, sagt er und Maria nickt lächelnd. Gemeinsam ziehen sie in eine Drei-Zimmer-Wohnung in Maudach, einem Stadtteil im Westen von Ludwigshafen. Im Herbst nimmt er ein Betriebswirtschaftsstudium auf, und im darauf folgenden März kommt Tochter Silke zur Welt. Für den Unterhalt kommt vor allem Maria auf: Sie arbeitet halbtags als Medizinisch-Technische Assistentin (MTA), während Silke in der Obhut der Großeltern oder einer Pflegemutter ist. Er nutzt die Semesterferien, um Geld zu verdienen. Ein gemeinsames Wochenende im Odenwald gilt schon als Urlaub.
Sechs Semester benötigt Günter Glöckner für das Grundstudium. Da komplettiert Simone die Familie, und der Familienvater weiß, dass er für seine Familie zu sorgen hat. Im Hauptstudium mit dem Schwerpunkt Betriebspsychologie gibt er Gas und schafft es in drei Semestern. Noch vor dem Abschluss und vor der Diplomarbeit, also mit einem sogenannten vorläufigen Notenauszug, bewirbt er sich. Unilever bietet ihm ein Traineeprogramm in Hamburg an, und er sagt zu, wissend, dass er sein Studium praktisch noch gar nicht abgeschlossen hat.
Und so pendelt er mit dem Zug nach Hamburg, sieht seine Familie nur an Wochenenden. Freitagnacht kommt er an, sonntags setzt er sich um 22.08 Uhr in den Nachtzug Richtung Alster. Kurz vor Ablauf der dreimonatigen Probezeit zieht er sich eine Hirnhautentzündung zu. „Es war eine verschleppte Grippe“, weiß er heute. Er landet im Krankenhaus. Neben der Angst, die mit der Krankheit zusammenhängt, gibt es auch Zukunftsängste: Was, wenn Unilever kündigt? Der Anruf lässt nicht lange auf sich warten. Doch anstatt ihm zu kündigen, beenden sie die Probezeit. Er ist übernommen. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt er, und es blitzt in seinen Augen.
Auf Hamburg folgt Mannheim, dann wechselt er nach Hessen. In Wiesbaden schreibt er dann seine Diplomarbeit, gut 3 Jahre, nachdem er bei Unilever angefangen hat. Es war ihm wichtig, weil es ihm nur so möglich war, Bewerbungen zu schreiben. 1984 muss er wieder nach Hamburg, übernimmt die Verantwortung für Produkte wie Lätta, Sanella und Livio-Öl. Doch diesmal zieht die Familie mit.
Als Unilever seine Organisation restrukturiert und Günter Glöckner das Marketing der Tochter Deutsche See leiten soll, sagt er ihnen ab. Es folgen ein Engagement bei Lingner & Fischer, dem Hersteller von UHU, bei Black & Decker und dem Bodenbelagspezialisten von Tarkett Pegulan. Bei allen fühlt er sich nicht hundertprozentig aufgehoben. Stattdessen würde er gern etwas Eigenes machen, sein eigener Unternehmer sein.
Im Bereich Beläge kommt er auch mit Reinigungsmittelherstellern in Kontakt. Durch Zufall lernt er einen schwedischen Produzenten kennen, der ein besonders wirksames Produkt haben soll. Er erhält ein paar Proben. Als es auf der Domotex, der Fachmesse für Bodenbeläge, zu einem Verschmutzungsunfall am eigenen Stand kommt, schickt er die Proben hin. Und sie halten, was der Produzent versprochen hat. „Die Standleiterin hat mich angerufen und gesagt, dass ein Wunder geschehen sei“, sagt Günter Glöckner. Selbst der Gumminoppenbelag sei komplett sauber, habe sie berichtet. Eine Sternstunde: „Da war ich angefixt!“
Der Entschluss steht, und 1989 startet er – mit Unterstützung seiner Frau Maria und den Schwiegereltern – durch. Der Firmenname ist schnell gefunden: Es ist die Kombination aus Solution, deutsch ausgesprochen, das für Problemlöser steht, und seinem Nachnamen. 1994 wird der erste Mitarbeiter eingestellt. Es sieht gut aus, auch weil Günter Glöckner durch die Übernahme der Rechte einer eingeführten Marke für Europa seinen Umsatz erhöht und am Markt wahrgenommen wird. Doch nur wenige Jahre später kommt es zum Streit mit dem Markeninhaber. Der trifft ihn nicht nur wirtschaftlich massiv – seine Existenz ist gefährdet, er erleidet auch einen Herzinfarkt.
Der Gedanke daran bedrückt Günter Glöckner auch heute noch. Nicht allein, weil damals viel auf dem Spiel stand, sondern auch weil ihm Geschäftsfreunde wieder auf die Beine helfen. „Ohne die hätte das nicht geklappt“, sagt er voller Dankbarkeit. Lohnherstellung und eigene Produkte sowie viel Einsatz sorgen dafür, dass Solution Glöckner wieder ins Fahrwasser gerät. 1998 zieht das Unternehmen in bestehende Räumlichkeiten um, 2003 wird gebaut, 2004, 2009, 2011 und zuletzt 2017 erweitert. 35 Mitarbeiter sind heute bei Solution Glöckner beschäftigt. Dazu gehört auch Tochter Silke, die längst Mitglied der Geschäftsführung ist.
Ans Aufhören denkt der Firmengründer allerdings noch nicht. Aber er hat mehr Zeit für seine Gremienarbeit in der ISSA, für die er mittlerweile als Botschafter fungiert, sowie Projekte in der Ausbildung von Gebäudereinigung wie JEZ, aber auch für private Vergnügen. Der langjährige FC-Bayern-Fan ist Besitzer einer Dauerkarte für die Allianz-Arena und fährt, wenn es die Zeit zulässt, wochenends mit seiner Frau nach München, um Fußball und bayerische Gastfreundschaft zu genießen. …und dann gibt es da ja auch das erste Enkelchen in der Familie!








